Bericht meines ersten Stormchasings

Als Hobbymeteorologe finde ich bekanntlicherweise Gewitter höchst interessant. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass bei einer Gewitterlage eine fotogene Zelle in nächster Nähe durchzieht ist gering. Gerade wenn Föhn im Spiel ist, was am Sonntag der Fall war, gibt es in Mörschwil nur höchst selten Gewitter.

In der Westschweiz sah es interessanter aus. Starke Windscherung, mässige Labilität und eine heranziehende Kaltfront liessen mich und einen Kollegen ein Potential für besser organsierte Gewitter wittern. Auch wenn das Wettermodell WRF nur langweilige schwache Niederschläge ohne Gewitter prognostizierte, entschieden wir uns für ein Stormchasing, auf Deusch eine Gewitterjagd. Uns war aber bewusst, dass es sich um eine sogenannte „loaded gun“-Lage handelte. Das bedeutet, dass entweder gar nichts passiert, oder es aber ordentlich kracht. Flop-Potential war vorhanden, was das Ganze umso spannender machte.

Wir trafen uns am frühen Nachmittag in Zürich und fuhren nach Laufen am Jura. Dabei zogen langweilige Schichtwolken auf, die dem „Worst-case-Szenario“ von WRF leider etwas Glaube schenkten. Während einer Lagebesprechung kam allerdings die Sonne wieder. Im Napfgebiet schossen Quellwolkentürme hoch und wir fuhren nach Reiden AG. Bald waren auch Radarsignale zu sehen.
Leider hatte mittlerweile zudem noch ein kühler Nordwestwind eingesetzt, der sich immer mehr durch die energetische Luftmasse des Mittellandes frass. Immerhin, so dachten wir uns, könnte dieser West- bis Nordwestwind vom Jura her ins Mittelland als Joran wehen und dort beim Aufeinandertreffen mit dem Föhn Zellen auslösen.
In Reiden angekommen, besprachen wir nochmals unser weiteres Vorgehen. Immer mehr Energie ging durch den kühlen Wind verloren. Auch die Zelle am Napf war sehr hochbasig durch die trockene Luft und produzierte nur geringfügigen Niederschlag. Sollten wir zurück nach Zürich fahren und abbrechen?

Wir entschieden uns dagegen und fuhren auf Hauptstrassen in Richtung Bern. Dann schossen plötzlich Quellwolken in die Höhe. Endlich! Eine war sehr schmal und doch ziemlich hoch. Sie wurde zu unserem Fotoobjekt und dabei entstand dieses Bild:

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Wie rechts zu sehen ist, entwickelten sich weitere grössere Quellwolken. Wir wussten, dass die Lage nicht floppt. Denn nun konnten die wenigen Zellen die gesamte Energie verbrauchen. Da die Energie durch den kühlen Westwind ohnehin nur noch gering war, war das wohl die einzige Möglichkeit für ein interessantes Gewitter.

Dann tauchten Radarsignale im Bereich Fribourg auf, die bald eine hohe Intensität aufwiesen. Rasch kamen weitere kräftige Zellen dazu und es entwickelte sich eine Multizelle, die hier zu sehen ist:

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Die Multizelle zog mit rund 60 Kilometern in der Stunde nach Nordwesten. Wir mussten schnell sein, um noch vor ihr in der Region Aarau-Olten anzukommen.

Bei Egerkingen windete es ordentlich und die Niederschlagsfallstreifen des heranziehenden Gewitters waren gut zu sehen.
Das folgende Bild entstand wohl irgendwo in oder nach Egerkingen, genau weiss ich es nicht mehr. Da es schnell gehen musste, hatten wir keine Zeit, einen guten Fotoplatz zu suchen und auszusteigen. Somit konnte ich nur dieses Foto auf einer Brücke vom Auto aus schiessen. Leider ist das Brückengeländer auch noch im Bild, was mich etwas ärgert. Andere Stormchaser meldeten zu diesem Zeitpunkt kleinen Hagel aus dem einige Kilometer entfernten Oensingen.

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Wir fuhren nach Aarau, um noch weitere Fotos schiessen zu können. Doch dann schwächelte die Multizelle bereits. Eigentlich wollten wir ins Zentrum einer Zelle fahren, was in der Sprache der Stormchaser „core pounch“ genannt wird. Doch was für uns übrig blieb waren nur ein paar kleine Regentropfen zwischen Aarau und Frick.
Das System hatte alle Energie aufgesogen und für uns war somit der Tag beendet. Wir fuhren zurück nach Zürich, zufrieden mit der Ausbeute. Aber einen „core pounch“ hatten wir nicht hinbekommen. Vielleicht beim nächsten Mal.

 

Zuhause angekommen sah ich, dass es in Mörschwil 27.0°C warm wurde. Der erste Sommertag 2016 ist nun also mit dem 22.5. datiert und damit ist es der spätetste erste Sommertag seit Messbeginn 2012.

Erwartungsgemäss traten im Warngebiet keine Gewitter auf. Die Abkühlung am Abend ging nur mit Winböen einher und am Montag begann es zu regnen.

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