Mitten im Föhnorkan – stärker als Lothar in Mörschwil

Starker Föhn brachte heute Morgen an der Wetterstation St. Gallen Sturmböen bis 84 Km/h, wobei die Station oberhalb der Stadt steht. 84 Km/h? Das ist stark, aber nach dem, was ich heute erlebt habe doch eher ein laues Lüftchen.

Wenn es um Föhn geht, werden in den Wetterberichten primär das Rheintal oder das Urner Reusstal erwähnt. Föhnböen über 100 Km/h sind dort nicht selten. Aber es gibt gewisse Orte, an denen der Föhn weitaus stärker weht. Am Lauberhorn im Berner Oberland gibt es beispielsweise den sogenannten „Guggiföhn“.
Auch die Ostschweiz besitzt einen solches „Föhnböen-Mekka“. Heute wollte auch ich einmal wissen, welche Ausmasse Föhn annehmen kann.

Es geht früh los – bereits um 6 Uhr, wobei bemerkt werden muss, dass ich es hasse, früh aufzustehen. Dafür werde ich schon mit einer wunderschonen Föhnstimmung über dem Bodensee belohnt. Zeit für Fotos bleibt keine, denn ich muss auf den Zug. Die Fahrt geht ins Appenzellerland, wo alles ruhig ist und die Sonne aufgeht wie am schönsten Frühlingstag.

Kurz nach Appenzell beginnen sich die Bäume leicht zu biegen, ich komme dem Sturm näher. In Weissbad beim Umstieg auf das Postauto spüre ich die ersten kräftigen Böen, aber noch nichts Grossartiges. Um viertel vor acht erreiche ich mein Ziel zuhinterst im Appenzellerland: Brülisau. Es ist recht windig, aber irgendwie nicht speziell. Ich messe Böen um 60 Km/h. Dafür muss man nicht 2 Stunden fahren.

Ich wechsle meinen Standort und da kommen sie, die ersten heftigen Föhnböen. Die Bäume werden stark durchgeschüttelt und Böen bis 90 Km/h rauschen mir um die Ohren. Schon besser! Dann bin ich doch nicht umsonst gekommen. Aber es wurden 140 Km/h vorhergesagt, es könnte also noch deutlich stärker sein.

In Wellen rauschen Böen durch das Tal übers Dorf. Mal weht nur ein leises Lüftchen, dann plötzlich ein Rauschen, die Bäume am Berghang biegen sich und plötzlich kommt ein heftiger Windstoss. Ich sehe und höre wie der Wind durch eine Baumgruppe oberhalb des Dorfes pfeifft. Dort will ich hin. Auf einer freien Wiese am Hang kann ich einen Abstand von etwa 400 Metern zu den nächsten Bäumen einhalten, das schätze ich als relativ sicher bezüglich herumfliegenden Astteilen ein.

Der Wind ist effektiv viel stärker als unten im Tal. Plötzlich kommt ein starkes Rauschen auf und die entfernten Bäume biegen sich wieder. Eine Staubwolke fegt innert Sekunden über das ganze Dorf. Blätter auf der Wiese werden aufgewirbelt und fliegen in meine Richtung. Ich stehe breitbeiniger hin. Schon bei 90 Km/h war das Stehen erschwert.

Da trifft mich die Böe mit voller Wucht. Die Blätter fliegen mir nur so um die Ohren und ich kann kaum noch stehen. Das Rauschen in den Bäumen wird zum Donnern – unglaublich. 100 Km/h zeigte mein Windmesser an, das habe ich noch nie gemessen.
Nach kurzer Ruhe folgte die nächste Böe, diesmal noch viel heftiger. Am nächsten Baum in einiger Entfernung bricht ein kleiner Ast und fliegt quer über die Wiese. Als der Windstoss mich erreicht bekomme ich doch etwas Angst. Zwar fliegt in meiner Umgebung kein Ast herum, aber wer weiss, bei über 100 Km/h können schon Zweige schmerzhaft sein.
Ich stehe möglichst quer zum Wind, um nicht gleich umgeworfen zu werden. Ich fühle mich wie in einem Tornado, Blätter und – soweit ich das noch beurteilen kann – auch etwas Erde kommen geflogen. Die Kraft ist einfach gewaltig. Aus Angst laufe ich, krieche eher auf allen vieren, in eine kleine Mulde neben mir, um etwas geschützt zu sein. Ich möchte nicht gerade mein Leben aufs Spiel setzen, da ich nicht sehe was alles geflogen kommt. Den letzten Wert, den ich auf dem Windmesser ablesen konnte war über 130 Km/h – so stark war Lothar in St. Gallen. In Aufregung habe ich das Gerät aus Versehen ausgeschaltet.

Ich steige wieder aus der Mulde und warte auf die nächste Böe. Es ist wieder ruhiger geworden. Im Tal biegen sich die Bäume aber schon wieder stark. Nach einer Minute pfeift schon die nächste Böe von 100 Km/h um mich herum.

Ruhigere Phasen wechseln sich mit extremen Böen ab. Ein erneuter noch deutlich heftigerer, wenn auch nur etwa 20 Sekunden andauernder Windstoss zwingt mich, auf den Boden zu knien, da Stehen kaum mehr möglich ist. Mein Windmesser zeigt Unglaubliches: Die Böe erreichte 147 Km/h! Als erstes schiesst mir durch den Kopf: Du hast gerade eine Windböe erlebt, die deutlich stärker ist als Lothar in St. Gallen! Um die Windgeschwindigkeit etwas besser einordnen zu können, sei gesagt, dass im Mittelland etwa einmal pro Jahr eine Böe von 90 bis 100 Km/h gemessen wird. Etwa alle 50 Jahre ist eine derartige Windspitze, wie ich sie erlebt habe, im Mittelland zu erwarten.

Ich steige noch weiter auf den Hügel hinauf, genauer gesagt werde ich zeitweise beinahe hinauf geblasen. Dort oben ist es angenehmer, das Ereignis zu geniessen, da mir nicht bei jeder orkanartigen Böe Blätter um die Ohren fliegen. Ich stehe vor einer Baumgruppe, sodass abbrechende Äste von mir weg fliegen würden. Das Rauschen wird wieder zum Zischen und Donnern, während eine weitere unglaublich heftige Böe mich erfasst. Ich kann mich nach hinten fallen lassen und bleibe immer noch stehen. Wäre der Wind konstant etwa 120 Km/h stark könnte ich wie in einem unsichtbaren Liegestuhl liegen. Die Bäume biegen sich von mir weg. Mein Windmesser zeigt eine weitere Orkanböe von 130 Km/h an.

Ich versuche schon die ganze Zeit zu filmen, aber ich kann mein Handy nicht ruhig halten. Die Filme zeugen mehr von einem Erdbeben als einem Föhnsturm.
Irgendwann habe ich genug. Der Föhn ist relativ konstant, die Böenspitzen liegen wohl weiterhin um 130 Km/h. Ich gehe wieder den Hügel hinunter in Richtung Brülisau. Da noch etwas Zeit ist bis das Postauto fährt, gehe ich noch etwas durch das kleine Dörfchen. Für Orkanböen von beinahe 150 Stundenkilometern geht es hier ganz normal zu und her. Heruntergefallene Dachziegel? Fehlanzeige. Nicht einmal Blumentöpfe oder sonstige Gegenstände liegen herum, nur einige Zweige. In Mörschwil sieht es bei 70 Km/h schlimmer aus!
Lothar mit seinen 130 Km/h hatte in Mörschwil Dachziegel herumgewirbelt und verbreitet grosse Schäden angerichtet. In Brülisau ist man sich wohl einfach an die Windstärken gewohnt, die dort übrigens keineswegs ungewöhnlich sind. Man ist sich der Gefahr bewusst und lässt keine losen Gegenstände im Freien stehen.

Auch die Bäume sind angepasst. Wie gesagt habe ich nicht mehr als abgerissene Zweige und kleine Äste gesehen. Im Mittelland hätten derartige Windböen analog zu Lothar halbe Wälder zusammengelegt. Durch die häufigen Orkanböen können aber in Brülisau nur gut verwurzelte Bäume wachsen, sodass der Baumbestand massiv stabiler ist als im Mittelland.

Auf einem Parkplatz treffe ich zufällig auf einen anderen Sturmjäger. Eine weitere Gruppe hatte sich vor der Talstation der Seilbahn stationiert, wo auch die Meteomedia-Wetterstation steht.

Auf der Rückfahrt muss der Postautochauffeur wegen den heftigen Seitenböen stark gegenlenken, aber in Weissbad ist der Wind schon merklich schwächer. Am Mörschwil angekommen, sah ich, dass mein Fahrrad wegen des Windes umgefallen war. In Brülisau wäre es wohl quer durchs Dorf geflogen.

Meine Wetterstation in Mörschwil hat 39 Km/h gemessen, was für eine Föhnlage recht normal ist. Auf freiem Feld waren es wohl etwa 80 Km/h, vielleicht 90 in exponierter Lage, aber darüber kann ich nur müde lächeln. Ich weiss jetzt, wie sich eine richtig heftige Orkanböe anfühlt. Die Meteomedia-Wetterstation hat in Brülisau gar 165 Km/h gemessen, lese ich im Internet. Da wird mich die nächste Sturmlage in Mörschwil mit leise säuselnden 80 Stundenkilometern garantiert langweilen. Würde es aber hier mit 140 Km/h stürmen, würde ich keinen Fuss vor die Tür setzen. In Mörschwil wäre eine solche Windgeschwindigkeit lebensbedrohlich, da die Dächer nicht dafür ausgelegt sind. Auch die Bäume sind nicht so stabil, sodass herumfliegende Äste zu gefährlichen Geschossen würden.

 

Auch in Altenrhein wurden Orkanböen bis 122 Km/h gemessen. In höherer Lage, auf dem Gornergrat im Wallis erreichte der Wind 181 Km/h.

Der Föhn stiess bis weit ins Mittelland vor. So konnten sogar in Kreuzlingen Föhnböen gemessen werden, was recht selten ist. Die Temperatur stieg in Altenrhein auf 20.3°C, im Mörschwil auf 18.8°C.

 

 

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