Dieses Jahr legte der Winter einmal mehr einen frühen, aber wenig nachhaltigen Start hin. Vom 20. auf den 21. November wurde es bis in tiefe Lagen weiss und in der Nacht auf den 23. auch richtig kalt: Abgesehen vom Rheintal sank das Thermometer in der Ostschweiz vielerorts auf -6 bis -10 Grad. An meiner Wetterstation in Mörschwil wurde mit -8.7 Grad sogar die tiefste Temperatur in einem November seit Messbeginn 2012 registriert.
Doch bereits am Tag darauf vertrieb eine Warmfront mit Regen den Winter, der seither keine Chance mehr hatte. Stattdessen lautet das Motto aktuell “unten grau, oben blau, überall mild”. Grund ist ein Hochdruckgebiet über dem Mittelmeer, sowie Zentral- und Osteuropa, wie folgende Wetterkarte zeigt. An dessen Westflanke wird mit südwestlicher Strömung (schwarzer Pfeil) milde Luft nach Mitteleuropa geführt. Winterliche Luftmassen aus nördlichen Richtungen bleiben uns verwehrt.
Aber es tut sich etwas in der Wetterküche. Das erwähnte Hochdruckgebiet schwächelt bereits etwas und ermöglichte heute eine Austrogung (blau-grün in der Karte) vor der Atlantikküste Europas. Zwar hält das Hoch vorerst noch dagegen, verlagert sich aber anschliessend nach Osteuropa. Zeitgleich dehnt sich das Azorenhoch (unten links) gegen Norden aus, unterbricht die bisher milde westliche bis südwestliche Strömung nach Europa und würde so Kälteeinbrüche aus Norden bis Osten ermöglichen.
Die Wetterkarten zeigen um Weihnachten verschiedene und teilweise etwas chaotische Szenarien. Am wahrscheinlichsten scheint derzeit, dass sich auf die Weihnachtstage eine eher trockene östliche bis nordöstliche Strömung mit Bise einstellt. Wirkliche Winterkälte bringt diese Luftmasse nicht, sondern einfach dasselbe Wetter wie bisher auf einem etwas niedrigeren Temperaturniveau. Das ist kein Wunder, zumal es derzeit auch in Skandinavien milder als üblich ist und das sibirische Kaltluftreservoir nicht effizient angezapft wird.
Das folgende Diagaramm zeigt 20 mögliche Szenarien der Temperatur auf ca. 1500 m (oben) und des Niederschlags (unten) als “Spagettidiagramm”. Die rote Linie ist das langjährige Mittel der Temperatur. Es gibt zwar eine Tendenz zur Abkühlung auf normale bis unternormale Temperaturen, doch die Unsicherheiten haben eine grosse Spannweite von rund 8 Grad. Da die Luftmasse vom Festland her kommt, ist sie recht trocken, so dass nicht überrascht, dass kein oder nur spärlicher Niederschlag gerechnet wird. Auch wenn es noch so kalt wäre, ohne Niederschlag gibt es auch keinen Schnee. Vielmehr gibt es einfach noch mehr “unten grau, oben blau”. Dass die Wetterlage winterliche Überraschungen im neuen Jahr grundsätzlich ermöglichen würde, ist immerhin ein Strohalm, an den sich Winterfreunde wie ich vorerst klammern können.
Fazit: Komplett abschreiben muss man weisse Weihnachten vielleicht noch nicht, aber die Chancen stehen einmal mehr schlecht.
Quelle der Diagramme: https://www.wetterzentrale.de


