Sehr schweres Gewitter im Nordthurgau

Schon zwei Tage zuvor habe ich auf mögliche Unwetter am 1. August hingewiesen. Am Bundesfeiertag habe ich dann Morgens die Warnung konkretisiert und vor heftigen Gewitter bis hin zu Superzellen mit Grosshagel und Orkanböen und hoher Blitzaktivität gewarnt mit dem Hinweis, das Unwetterpotential bei 1. August-Feiern unbedingt zu berücksichtigen, da gerade Freiluftveranstaltungen äusserst gefährdet sind.

Gewitterjagd Thurgau

Abends zogen aus Westen Gewitterwolken auf und ich machte mich mit dem Zug auf den Weg nach Kreuzlingen. Kurz vor dem Einsteigen bemerkte ich, das ich mein Handy vergessen hatte – Gewitterjagt ohne Internet, das bedeutet ohne auch nur irgendwelche Wetterdaten. Geht das überhaupt? Rein nach den Himmelsbeobachtungen und dem Gefühl in ein Gewitter zu fahren? Nach Romanshorn verschwanden meine Bedenken, da ich die ersten Blitze in einiger Entfernung sah – praktisch ausschliesslich Wolken-Bodenblitze, also Einschläge. Die Zelle musste heftig sein! Als ich in Kreuzlingen ausstieg regnete es bereits und plötzlich hüllte ein weisser Schleier die Landschaft im Westen etwas ein. Es folgten einige kräftige Windböen und heftiger Regen durchsetzt mit wenigen Hagelkörner bis etwa 1.5 Zentimeter. Einige Schilder auf dem Bahnhofsplatz wurden umgeweht, sonst war der Sturm doch eher schwach im Vergleich zum möglichen Unwetterpotential. Es blitzte aber auch nach dem kurzen Starkregen noch immer wieder direkt über mir, aber mehr in den Wolken. Doch im Süden schien ein weiteres Gewitter heranzurauschen. Also fuhr ich mit der S-Bahn wieder nach Romanshorn. Die Fahrt war einfach der Hammer! Ich war mitten im Gewitter. An einem Bahnhof, ich glaube es war Münsterlingen, kam dann die Krönung des Abends: Als ich gerade rechts aus dem Fenster schaute, schlug vor meinen Augen ein Blitz 300 Meter entfernt ins Dorf ein! Die Druckwelle war kein Donner mehr sondern nur noch ein Knall. Die Leute standen aber immer noch seelenruhig unter dem Dach – ich wäre ordentlich erschrocken. Ich liebe Blitze – aber fürchte mich auch davor, oder sagen wir ich habe Respekt davor, da ein Blitzschlag nicht selten tödlich und vor allem völlig unvorhersehbar ist. Beim Umsteigen in Romanshorn blitzte es im Sekundentakt, aber ich war schon hinter dem Gewitter. Trotzdem schlugen Blitze mit viel Krach in den See ein und ich war heilfroh, wieder im Zug zu sitzen. In Horn konnte ich aus sicherer Entfernung einige Blitzeinschläge um Altenrhein beobachten. Auf der Rückfahrt nach Mörschwil begann ich langsam zu ahnen, dass ich nicht hätte wegfahren müssen. In Horn lagen viele Blätter und Zweige herum, in Tübach waren wohl gerade Äste von der Strasse geräumt worden und beim Waldeggkreisel schien ein Baum gar von einem Blitz getroffen worden zu sein, da er auf der Seite von unten bis oben aufgesprengt war!
Meine Wetterdaten waren nicht allzu spektakulär. In rund 25 Minuten sind 14.8 mm Regen gefallen, das ist zwar intensiv, aber nicht ungewöhnlich. Die Windböen erreichten nur 36 Km/h, was weit vom Rekord von 68 Km/h entfernt ist.

Zuerst Sturmböen…

Wie ich auf dem Regenradar sah, handelte es sich um eine gut organisierte Gewitterlinie, die in St. Gallen eine Windspitze von 94 Km/h, in Altenrhein gar bis 101 Km/h brachte! Die Windspitzen sind vergleichbar mit jenen der Gewitterlinie vom 8. August 2013. Die unauffällige Windspitze meiner Station könnte dadurch erklärt werden, dass der Windmesser gegen Westen hin stark abgeschirmt durch Häuser ist, am 8. August 2013 hingegen kam der Wind eher aus Südwesten.

Einige Windspitzen des abendlichen Gewittersturms aus der Ostschweiz:

St. Gallen 94 Km/h
Altenrhein 101 Km/h
Stein AR 102 Km/h

Die heftigsten Böen gab es demnach im Fürstenland, dem nördlichen Appenzellerland und am oberen Bodensee. Später wurde in Lindau mit 133 Km/h gar eine Böe mit voller Orkanstärke gemessen. In Winterthur gab es aus der Zelle, die ich in Kreuzlingen erwischte, zuvor 3 Zentimeter Hagelschlag. Die Niederschläge waren zumindest in der Ostschweiz nicht sehr problematisch. Zwar fielen die Stundensummen in meist höchstens 30 Minuten, erreichten aber nur 10 bis 15 mm. Es wurde Hagel gemeldet, allerdings habe ich gehört, dass es in Mörschwil nicht gehagelt habe. Augenzeugen? Danach schien sich das Wetter zu beruhigen… Es war doch gar nicht so wild, wie angekündigt. Statt einer Superzelle kam „nur“ eine kräftige Gewitterlinie.

…dann Superzelle mit Orkanböen, Hagel und Rekordregen

Weit gefehlt! Im Grossteil der Ostschweiz passierte im weiteren Verlauf dann tatsächlich nichts mehr, aber bei Basel bildete sich nach Mitternacht dann tatsächlich noch eine Superzelle, die als – ich bin geneigt, es so zu nennen – wahres Gewittermonster dem Rhein entlang bis nach Kreuzlingen zog. Gegen 2 Uhr produzierte die frisch geborene Superzelle ihren ersten Downburst, der von einer Wetterstation gemessen wurde. Eine massive Fallböe in Orkanstärke donnerte mit 134 Km/h durch das Aargauer Leibstadt am Rhein.
Die nur wenige Kilometer Entfernte Wetterstation Beznau mass dagegen nicht einmal 50 Km/h. Bei Rickenbach im Schwarzwald nahe Waldshut forderte das Unwetter leider sogar ein Todesopfer. Ein Jugendlicher wurde in einem Zelt von einem Baum erschlagen.
Schon am Sonntagabend hatte eine Superzelle diese Richtung eingeschlagen, doch sie zerfiel auf Höhe Zürich. Aber diese Superzelle meinte es ernst. Leider stehen wenige offizielle Wetterstationen dem Rhein entlang. In Marthalen SH wurde von einer nicht-offiziellen Wetterstation eine extreme Orkanböe von unfassbaren 171 Km/h gemessen. Auf dem ersten Blick scheint es sich um einen Messfehler zu handeln, aber Berichten zufolge soll der Sturm in der Umgebung mehrere Dächer teilweise ganz abgedeckt, kleine Scheunen völlig zerstört und Gebäude schwer beschädigt haben, womit die Windspitzen dann doch sehr realistisch sind! Die heftigen Downbursts gingen zudem mit kurzen, aber ebenfalls sehr heftigen Niederschlägen einher. In Eschenz am Ende des Untersees wurden in 10 Minuten 36.1 mm Regen gemessen, was nicht einfach aussergewöhnlich ist, sondern auf dem Messnetz der Meteoschweiz sogar einen neuen Rekord darstellt! Bisher hielt das Tessin den Titel des Rekordregens. Nun geht er ins Thurgau. Auf dem weiteren Weg zog die Superzelle dem Seerücken entlang und brachte weitere Downbursts in Orkanstärke, wie in Salen-Reutenen mit 133 Km/h. Teilweise fiel auch Hagel, der in Verbindung mit solchen Winden besonders in der Landwirtschaft absolut zerstörerisch wirkt und alles zerfetzt.

Bis das Ausmass der Schäden dieser Superzelle überblickbar wird, werden noch einige Tage vergehen. Aber es soll niemand kommen und behaupten, man hätte so was nicht vorhergesehen. Unter Sturmjägern war klar, dass am Bundesfeiertag bis tief in die Nacht hohes Unwetterpotential vorhanden sein würde und eine Superzelle mit Grosshagel und Orkanböen durchaus möglich wäre. Und sie kam die Superzelle – Gott sei dank erst zu später Stunde. Am Abend während 1. Augustfeiern hätte der Sturm wahrscheinlich weitere Verletzte, vielleicht gar weitere Tote gefordert. Aber auch ein Todesopfer ist eines zu viel… Superzellen sind etwas verdammt Gefährliches, da heisst es nur Abstand halten von Bäumen und allem was herumfliegen könnte!

In Mörschwil und der Umgebung ist der abendliche Gewittersturm übrigens recht Problemlos durchgezogen. Zwischen Mörschwil und Tübach fiel ein Baum auf eine Nebenstrasse und oberhalb der Sportanlage Kellen ist wohl ein Baum aufgrund eines Blitzeinschlags explodiert, wobei er nur aufgeplatzt ist und noch steht.

Wissen Sie von Sturmschäden oder Hagel? Kommentare erwünscht.

 

 

 

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